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Förderung des Spracherwerbs
Eigentlich ist es immer wieder ein kleines Wunder,
daß viele Kinder ohne große Mühe sprechen lernen. Vor allem dann,
wenn man sich klarmacht, welche Leistungen damit verbunden sind.
Zahlreiche Kinder haben jedoch mehr oder weniger Schwierigkeiten
dabei. Bei jedem 4. Kind werden mittlerweile Störungen des Spracherwerbs
festgestellt. Dies ist ein alarmierendes Zeichen. Grund genug, vorbeugende
und unterstützende Tips vorzustellen. Hilfreich sind Kenntnisse
über den normalen Spracherwerb. Um beide Aspekte geht es im folgenden.
1. Der Spracherwerb
1.1 Die biologischen Voraussetzungen
Die Voraussetzungen für einen ungestörten Spracherwerb beginnen
mit der Schwangerschaft. Hierbei entwickelt das ungeborene Kind
seine biologischen Anlagen, um Sprache erwerben und anwenden zu
können:
die sogenannten
Sprechwerkzeuge wie den Mund, den Kehlkopf und den Nasen-Rachen-Raum
die Ohren und
die Augen als sprachinformationsaufnehmende Organe
das Gehirn
als zentrale Schaltstelle der Verarbeitung und Speicherung von Informationen
und Steuerung
von dafür erforderlichen Nervenimpulsen. Sind diese Organe ausgebildet,
probiert das Kind bereits im Mutterleib deren Funktionen aus, indem
es beispielsweise am Daumen lutscht, Fruchtwasser trinkt und auch
von außen hereindringende Geräusche hört. Manchmal spürt dies eine
schwangere Frau, z.B. wenn ihr Kind mit Bewegung auf laute oder
plötzliche Geräusche reagiert.
1.2 Wodurch erwirbt ein Kind Sprache?
Ausgerüstet mit seiner biologischen Grundausstattung taucht der
Säugling dann mit der Geburt in ein regelrechtes "Sprachbad" ein.
In der Regel besteht zunächst zur Mutter ein besonders intensiver
Kontakt, der mit Sprachangeboten einhergeht. Wir reden mit Säuglingen
und Kleinkindern, obwohl wir wissen, daß sie uns noch nicht verstehen
können. Wir können wiederum nicht mit Gewißheit sagen, was sie mit
ihren in den ersten Lebensmonaten vorwiegend stimmlichen Äußerungen
meinen. Dennoch starten wir "Übersetzungsversuche", indem wir das
Verhalten deuten, fragen und benennen.
Eltern, Geschwister, Verwandte und andere Menschen, also die soziale
Umwelt, begleiten ihre Handlungen sprachlich - natürlich nicht jederzeit,
aber sehr häufig. Ihre Äußerungen passen sich intuitiv an die sich
wandelnden Fähigkeiten des Kindes an. Dabei kommt es vor allem während
der frühen Entwicklung zu zahlreichen Wiederholungen des Gesagten
sowie überdeutlichen begleitenden nicht-sprachlichen Signalen durch
Mimik und Gestik. Dies alles geschieht innerhalb wiederkehrender
Situationen, sogenannter Routinen. Sie geben dem Kind durch die
Wiederholungen vertraute Sicherheit, gleichzeitig durch kleine Veränderungen
Anreize zur Entwicklung.
Dies alles müssen Eltern nicht extra lernen - sie tun dies rein
gefühlsmäßig richtig.
Insbesondere in der frühen Kindheit steht die allgemeine körperliche
und geistige Entwicklung in sehr engem Zusammenhang mit der sprachlichen
Entwicklung. Im Laufe seiner Entwicklung und mit den zunehmenden
Fähigkeiten des Kindes, seinen Körper kontrolliert einzusetzen,
weitet es selber die Auseinandersetzung aktiv auf die ihn umgebenden
Dinge aus. Es hantiert mit ihnen, lernt seine Beschaffenheit kennen
und die Möglichkeiten, sie zu verändern. Seine soziale Umwelt hilft
ihm sowohl bei der Beschäftigung mit den Dingen als auch dabei,
diese Erfahrungen in Worte umzusetzen.
Dazu ein Beispiel aus einer alltäglichen Situation:
Ein kleines Kind krabbelt durch den Raum. Der Vater hält ihm eine
Rassel hin und schüttelt sie, um die Aufmerksamkeit des Kindes auf
das Spielzeug zu lenken. Die Kontrolle über die Kopfhaltung ermöglicht
es dem Baby, diesen längere Zeit "im Auge zu behalten". Auf diese
Weise erfaßt es die Form und Farbe einfach all das, was zu sehen
gibt. Es bewegt sich dorthin und ergreift die Rassel mit der Hand,
so daß weitere Sinneseindrücke hinzukommen: die Beschaffenheit der
Oberfläche und die Form. Im frühen Kindesalter steckt es außerdem
Gegenstände häufig in den Mund. So erspürt es sie ebenfalls. Natürlich
kommt auch der Geschmack hinzu. Es
hantiert damit und lauscht auf die dabei entstehenden Geräusche.
Wenn ihm das Geräusch Freude bereitet, wird es die Bewegung wiederholen.
Möglicherweise sagt der Vater nun etwas, um die Spielhandlung aufrechtzuerhalten:
"Gefällt dir die Rassel? Das ist eine schöne Rassel, hm!
Schüttel die Rassel nochmal. Nein? Dann schüttel ich die Rassel.
Schau!" Und er bewegt sie vor den Augen des Kindes, dessen
Neugierde wieder erwacht. Und so beginnt das Spiel erneut - sicherlich
nicht immer unterstützt durch sprachliche Begleitung, aber sehr
häufig. Die Aufmerksamkeit des Kindes und die konzentrierte Beschäftigung
mit der Rassel wird über die sprachliche Zuwendung einer anderen
Person in einer angenehmen Situation gelenkt.
Alle dabei gemachten Eindrücke, Gefühle und auch die Worte dafür
werden miteinander verknüpft und im Gedächtnis gespeichert. Sie
sehen: Der Spracherwerb beginnt lange bevor das Kind selber sprechen
kann.
Anhand des geschilderten Beispiels ist ein wesentlicher Motor des
Spracherwerbs deutlich geworden, der aus der wechselseitigen Beeinflussung
von sprachkompetenten Personen und dem Kind besteht. In der Fachsprache
wird dieser Prozess Interaktion genannt. Er setzt mit der Geburt
des Kindes ein und verändert sich fortwährend hin zu einem immer
höheren Niveau. Dennoch, allein anhand solcher sozialen Interaktionen
läßt sich kaum erklären, wie das Kind es innerhalb von 3-4 Jahren
schafft, die Vielzahl an sprachlichen Regeln zu lernen. Dies hat
bei vielen Fachleuten zu der Annahme geführt, daß dem Erwerb sprachlicher
Regeln, insbesondere der Grammatik (s.u.), eine spezifische Lernfähigkeit
von Geburt an zugrundeliegt.
1.3 Weiterenteicklung der biologischen Grundausstattung des Kindes
Das Zusammenwirken innerer Reifungsprozesse und äußerer Anregungen
führt dazu, daß die biologische Grundausstattung des Kindes enorm
erweitert wird. Man könnte alle einwirkenden Anregungen wie Geräusche,
Sprache, Berührungen, ja einfach jede gemachte Erfahrung als "Nervennahrung"
bezeichnen.
Allein das Gewicht des Gehirns hat sich bis zum Ende des ersten
Lebensjahres mehr als verdoppelt. Dies hängt damit zusammen, daß
sich Nervenzellen ausdifferenzieren, Verbindungen zu anderen Zellen
herstellen und durch eine spezifische Ummantelung bestimmter Substanzen
Nervenimpulse schneller weiterleiten können. Dies alles bezeichnet
man als neuronale Reifung. Sie liegt sowohl der Steuerung der (Sprech)Bewegung
als auch der Verarbeitung von Reizen wie z.B. Gehörtem sowie dem
Zusammenspiel verschiedener Sinneswahrnehmungen und Teilleistungen,
z.B. Merkfähigkeit, zugrunde.
Die neuronale Reifung ist also eine wesentliche Grundlage dafür,
daß das Kind Sprache erwerben kann. Allein die Produktion der Gurrlaute
in den ersten Lebensmonaten und das Silbenplappern gegen Ende des
ersten Lebensjahres (s.u.) setzt andere neuronale Verknüpfungen
voraus.
Hinzu kommen weitere Veränderungen des Körperbaus, die Sprechen
ermöglichen. So entstehen in den ersten drei Lebensmonaten die für
Menschen typischen räumlichen Verhältnisse im Bereich des Nasen-Rachen-Raumes,
die zur Lautbildung notwendig sind.
2. Welche sprachlichen Fähigkeiten erwirbt das Kind?
2.1 Entwicklung der Aussprache
In den ersten Lebensmonaten experimentiert der Säugling mit seiner
Stimme. Er produziert zahlreiche Geräusche und macht auf diese Weise
erste Erfahrungen mit Sprachlauten und den dafür erforderlichen
Sprechbewegungen, auch wenn diese Laute noch nicht mit festen Bedeutungen
verbunden sind. So erwirbt er allmählich die willentliche Kontrolle
über die für das Sprechen notwendigen Bewegungen.
Mit zunehmendem Lebensalter vergleicht es die gehörten Sprachlaute
aus seiner Umgebung mit seinen eigenen und paßt diese entsprechend
an. Selbst gehörlose Säuglinge durchlaufen die erste sogenannte
Lallphase. Sie verstummen erst dann, wenn es um den Vergleich mit
den sie umgebenden Sprachlauten und deren Nachahmung geht.
Bei dem hier beschriebenen Aspekt des Spracherwerbs handelt es sich
um die Aussprache. Dazu gehört, daß das Kind alle in seiner Muttersprache
vorhandenen Laute bilden und sie entsprechend den Regeln des jeweiligen
Sprachsystems anwenden lernt.
2.2 Entwicklung des Wortschatzes
Nach und nach formt das Kind Sprachlaute dahingehend, daß erkennbare
Worte entstehen. Damit gehen andere wichtige Erkenntnisprozesse
einher. Zum einen ist es die Tatsache, daß Gegenstände auch dann
noch existieren, wenn sie für das Kind nicht greifbar vorhanden
sind. Dies zeigt sich beispielsweise darin, daß ein Kind einen Spielgegenstand
sucht, obwohl er nicht in seinem Blickfeld ist. Zum anderen sind
es die vielfältigen konkreten, von seinem Umfeld sprachlich begleiteten
Erfahrungen mit sich selbst, mit Dingen und Handlungen, die ihm
die Bedeutung der Worte vermitteln. Allmählich verbindet sich dieses
Wissen mit sprachlichen Kenntnissen: Ein Wort wird zum Stellvertreter
für den realen Gegenstand, eine Tätigkeit oder für GeTühie. Später
kommen komplexere WÖrter hinzu, die abstraktere Inhalte und grammatische
Bezüge ausdrücken. Auch die Erwerbsstrategie verändert sich mit
dem Lebensalter. Das Kind wird zunehmend unabhängiger von der konkreten
Anschauung.
Der Wortschatz des Kindes entwickelt sich.
2.3 Entwicklung der Grammatik
Eng verbunden mit der Entwicklung des Wortschatzes ist der Aufbau
von Sätzen. Vorläufer davon stellen bereits die Doppelungen derselben
Wörter und die ersten Kombinationen verschiedener Wörter beim Übergang
von der Einwort- zur Zweiwortphase dar. So kann beispielsweise die
Äußerung “Mami Tasse!” abhängig von
der Situation verschiedenes bedeuten: Vielleicht möchte das
Kind den Wunsch nach einer Tasse übermitteln, möglicherweise will
es lediglich feststellen, daß die Mutter eine Tasse hat. Dies Beispiel
verdeutlicht, daß das Kind mehr sagen möchte, als ihm an sprachlichen
Mitteln zur Verfügung steht. Die Bedeutung seiner Äußerung zu verstehen
und angemessen zu übersetzen und zu erweitern, ist Aufgabe seines
sozialen Umfeldes Im Laufe seiner Sprachentwicklung hat das Kind
ein komplexes sprachliches Regelsystem "zu knacken". Es lernt zum
Beispiel die Regeln der Wortstellung, wobei die Stellung des Tätigkeitswortes
zunächst herausragend ist. Des weiteren ist es die Veränderung einzelner
Wörter, die innerhalb eines Satzes aufeinander abgestimmt sind.
So ist die Endung des Tätigkeitswortes abhängig vom Hauptwort: Ich
gehe - du gehst. Das Kind erwirbt also das grammatische Regelsystem
unserer Sprache.
2.4 Entwicklung der Kommunikation
Lange bevor der heranwachsende kleine Mensch ein Gespräch führen
kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu vermittelt. Bei der genaueren
Betrachtung früher Unterhaltungen mit Säuglingen wurde festgestellt,
daß Sprechende zwischen ihren Äußerungen eine kleine Pause einhalten.
Diese Pausen signalisieren, daß eigentlich an dieser Stelle eine
Antwort erwartet wird. Mit den zunehmenden sprachlichen Fähigkeiten
füllt das Kind diese Lücken tatsächlich aus. Natürlich unterscheiden
sich Gespräche mit Kindern von denen mit anderen Gesprächspartnerinnen
und -partnern. Dennoch: das "Sich-Mitteilen und Sich-Austauschen
mit anderen" und später das Erzählen von Erlebtem etc. geschieht
von Beginn an in altersgemäßer Weise. Dieser Bereich des Spracherwerbs
umfasst die gesamte Anwendung der sprachlichen und nicht-sprachlichen
Kenntnisse (Mimik und Gestik), also die Kommunikation.
2.5 Entwicklung des Sprachverständnis
Das Verstehen von Sprache entwickelt sich in demselben Rahmen wie
die anderen sprachlichen Bereiche auch. Zeitlich geht es der Fähigkeit,
Sprache anzuwenden voraus, d.h. das Kind versteht uns, bevor es
sich selber äußern kann. Lange Zeit ist dieses Verständnis jedoch
eng an die jeweilige Situation gebunden. Ein echtes Sprachverständnis
entwickelt sich schrittweise, bis es sich von der konkreten Situation
löst.
2.6 Entwicklung des Redeflusses
Die Planung und Ausführung von mündlichen Äußerungen stellen eine
hohe Anforderung an das Kind dar. So verwundert es nicht, daß damit
häufig Satzabbrüche, Umformulierungen, Wortwiederholungen und kleine
Denkpausen einhergehen. Sie bewirken, daß das Sprechen des Kindes
unflüssig klingt. Außerdem muß die Feinabstimmung der Muskelbewegungen,
die für das Reden notwendig sind, sich erst entwickeln und reifen.
Dies ist eng verbunden mit den hier geschilderten sprachlichen Entwicklungsbereichen
und solchen, die für die Bewegungskontrolle zuständig sind. Der
Redefluß unterliegt also ebenfalls einem längeren Entwicklungsprozeß.
2.7 Entwicklung des Sprachgefühls
Nicht zuletzt lernt das Kind während seiner Sprachentwicklung quasi
"nebenbei" etwas, was nichts mit einzelnen Lauten, Wörtern oder
grammatischen Strukturen zu tun hat, aber dennoch die Verständlichkeit
unserer Lautsprache beeinflußt: Betonungen, Pausen, Sprechrhythmus,
Tonhöhen und -tiefen etc. Denken Sie nur einmal daran, daß der Anstieg
der Tonhöhe am Ende eines Satzes eine Frage anzeigt.
Man könnte dies alles mit Sprachgefühl bezeichnen.
Sie haben nun eine Vorstellung davon bekommen, welches enorme Lernpensum
das Kind während seiner Sprachentwicklung zu bewältigen hat. Auch
wenn diese Bereiche zum besseren Verständnis hier getrennt vorgestellt
wurden, heißt dies nicht, daß das Kind sie nacheinander erwirbt.
Vielmehr ist es so, daß sie sich gegenseitig bedingen. Denken Sie
noch einmal daran, daß auch grammatsiche Regeln wie z.B. Einzahl-
und Mehrzahlbildung mit einem Bedeutungsunterschied einhergehen,
der in den Wortschatz hineingreift. Auch müssen beispielsweise die
Voraussetzungen der Aussprache von grammatikalischen Endungen (Bsp.:
du singst) bei Tätigkeitswörtern gegeben sein.
Voraussetzungen für einen ungehinderten Spracherwerb sind:
die Kontrolle
über Bewegungen vor allem der Körperteile, die für das Sprechen
zuständig sind
(z.B. Lippen
und Zunge);
eine exakte
Sinneswahrnehmung der von außen auf das Kind einströmenden Reize
wie
Gehörtes und
Gesehenes, aber auch solcher Sinnesreize, wie z.B. "Spüren",
die Informationen
über die Lage einzelner Körperteile geben;
psychische
Fähigkeiten, die die Verarbeitung von Informationen betreffen oder
Voraussetzung
dafür sind,
wie z.B. Konzentration und Aufmerksamkeit
eine soziale
Atmosphäre, in der das Kind sich angenommen fühlt und sprachliche
Anregungen bekommt.
3. Tips zur Vorbeugung und Unterstützung
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, den Spracherwerb zu fördern,
Störungen des Spracherwerbs vorzubeugen bzw. in ihrem Verlauf zu
mildern. Sie beginnen bereits mit der Schwangerschaft. Während dieser
Zeit ist es notwendig, alle schädigenden Einflüsse, z.B. durch Nikotin-
oder Alkoholgebrauch, zu meiden. Dies hat erwiesenermaßen negative
Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. Weiterhin ist es nach
der Geburt wichtig, alle ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
Auf diese Weise können frühzeitig Entwicklungsauffälligkeiten erkannt
und behandelt werden.
Eines ist vom frühen Säuglingsalter an wichtig: Sprechen und spielen
Sie mit Ihrem Kind. Für jede Beschäftigung
gilt: Reduzieren Sie nach Möglichkeit Störquellen. Wenn der Fernseher
läuft, die Waschmaschine rappelt und gleichzeitig eine Kinderkassette
läuft, wird Ihr Kind kaum in der Lage sein, dem Gesagten zu folgen.
Seine Aufmerksamkeit für Gehörtes wird gestört. Unterbrechungen
erschweren die konzentrierte Beschäftigung miteinander oder mit
einer Sache. In den ersten Lebensmonaten sieht die sprachliche Zuwendung
natürlich anders aus als im Alter von 4 Jahren. Dennoch ist dies
für das Kleinkind bereits vor dem eigenen Sprechbeginn ein wesentlicher
Anreiz für den Spracherwerb. Solche Formen der gemeinsamen Beschäftigung,
z.B. begleitend zur körperlichen Pflege, entwickeln sich in der
Regel von alleine. Das müssen Sie nicht extra lernen. Wenn der Alltag
sehr hektisch ist, ist es sinnvoll, einen zeitlichen Rahmen zu schaffen,
damit dieser natürliche Austausch entsteht.
Sprache vermittelt über den Inhalt des Gesagten hinaus auch Gefühle
und Stimmungen. Ihr Baby spürt dies. Kinderlieder und einfache Fingerspiele
fördern frühzeitig das Sprachgefühl. Sie bewirken außerdem, daß
das Kind sich wohl und angenommen fühlt.
Mit zunehmendem Alter ist es wichtig, Gefühle sprachlich auszudrücken.
Manchmal muß man "zwischen den Zeilen lesen". Wenn Ihr Kind weint
oder aggressiv reagiert, kann man vielleicht sagen: "Das
hat dir gar nicht gefallen, hm. Bist du wütend?"
Wenn Probleme auftreten, sollten wir Kinder dabei unterstützen,
sie zu lösen. So zu tun, als ob alles in Ordnung ist, hilft ihnen
wenig weiter. Hilfreich ist es dagegen, gemeinsam herauszufinden,
was zu den Schwierigkeiten geführt hat und was man dagegen tun kann.
Die Sichtweise der anderen zu verstehen, ist oftmals Teil der Lösung.
Dazu bedarf es Gespräche.
Kinder sind neugierig. Sie wollen ihre Umwelt erforschen. Dabei
benötigen sie unsere Unterstützung. Für Erwachsene kann es eine
schöne Erfahrung sein, gemeinsam mit Kindern die kleinen Dinge des
Alltags neu zu entdecken. Benennen Sie die Dinge, mit denen Ihr
Kind sich beschäftigt. Lassen Sie es möglichst viel ausprobieren.
So lernt es vieles mit allen Sinnen kennen und kann Worte "mit Inhalt
füllen". Es erlebt, wie ein Rose duftet, wie sauer eine Zitrone
schmeckt und wie weich sich das Fell eines jungen Hundes anfühlt.
Dank sprachlicher Vorbilder lernt es, seine Erfahrungen in Worte
zu fassen.
Schön ist es, wenn Sie Ihr Kind an Ihrem Tagesablauf teilnehmen
lassen. Kinder sind stolz darauf, wenn sie "mitmachen" dürfen. Begleiten
Sie dabei Ihre eigenen Handlungen und die des Kindes sprachlich,
z.B.: "Schau, jetzt gebe ich einen Löffel Teig auf das Waffeleisen
und mache es zu. Nun müssen wir warten, bis das grüne Lämpchen leuchtet.
Dann ist die Waffel fertig." Sie können sicher sein, daß
Ihr Kind z.B. nach dem gemeinsamem Waffelbacken am liebsten jedem
erzählen möchte, was es geschafft hat.
Bilder- und Kinderbücher sind hervorragende Mittel, Sprache anzuregen.
Zunächst eignen sich Bücher mit einfachen Abbildungen. Konkrete
Gegenstände können zugeordnet werden. Im Alter von ca. 2 Jahren
können Sie sich bereits einfache Situationsbilder gemeinsam ansehen,
kurze Abschnitte vorlesen und darüber reden. Günstig ist es, wenn
sich Anknüpfpunkte zur kindlichen Erlebniswelt ergeben.
"Schau mal, das Mädchen trinkt Kakao. Was trinkst du gerne?"
Je älter Ihr Kind wird, desto besser kann es längere Zeit zuhören.
Es wird es geniessen, wenn Sie ihm vorlesen. Vielleicht werden Sie
feststellen, daß es Lieblingsgeschichten hat, die es immer wieder
hören mag. Manchmal können Kinder ganze Abschnitte auswendig. Dennoch
wird ihnen dabei nicht langweilig - im Gegenteil: Kinder mögen Wiederholungen.
Und sie brauchen sie auch, damit sie Sprache leichter verarbeiten
können.
Die kindliche Sprechfreude ist eine gute Voraussetzung für den Spracherwerb.
Kinder sprechen nicht unmittelbar fehlerfrei. Damit sie dennoch
den Mut haben, sich zu äußern, ist es wichtig, daß sie sich für
ihre Fehler nicht schämen. Dies läßt sich u.a. dadurch erreichen,
daß Kinder für ihre Sprachfehler nicht kritisiert oder getadelt
werden. Sie helfen Ihrem Kind, wenn Sie fehlerhaft Gesprochenes
korrekt wiedergeben und erweitern. So ein Gespräch könnte folgendermaßen
ablaufen: Nehmen wir an, Sie gehen zusammen einkaufen. Ihr Kind
zeigt auf Birnen am Markstand und sagt: "Mama, Äpfel haben!"
"Du magst Äpfel haben? Ja, wir können Äpfel kaufen. Aber das hier
sind Birnen. Sie sehen zwar ein bil3chen aus wie Äpfel, das stimmt.
Aber sie sind anders. Wir können ja von beiden Obstsorten etwas
mitnehmen. Mal sehen, was dir besser schmeckt. "
Es ist wichtig für Kinder zu erfahren, daß sie mit Sprache etwas
bewirken können. Sie ermöglichen Ihrem Kind dies, indem Sie ihm
Handlungsalternativen einräumen. Dies kann mit der Wahl des Essens
beginnen. Schon kleine Entscheidungsspielräume wie "Möchtest
du Wurst oder Käse auf deinem Brot haben?" sind eine sinnvolle
Sprechanregung.
Wenn
es älter ist, weitet sich dieser Spielraum aus. Eine Freizeitbeschäftigung
wie beispielsweise ein Geburtstagsfest oder ein Besuch im Zoo kann
ein guter Sprechanlaß sein. Es gibt dabei eine Menge zu überlegen:
Wen laden wir ein ? Was wollen wir spielen ? Was kochen
und backen wir? etc. In solchen Gesprächen lernt Ihr Kind
sehr viel "ganz nebenbei".
Der wichtigste Tip zur Förderung des Spracherwerbs ist also: Reden
Sie miteinander.
Weiterführende Anregungen erhalten Sie in folgenden Büchern:
Sprich mit mir. Tips, Informationen und viele Spiele zur Förderung
der Sprachentwicklung. Herausgegeben von der BARMER und "Mehr Zeit
für Kinder e.V." 11997)
Eine Zusammenstellung empfehlenswerter Spiele ist unter folgender
Adresse zu beziehen:
-spiel gut-
Arbeitsausschluß Kinderspiel und Spielzeug e.V.
Neue Straße 77
89073 Ulm
Eine Zusammenstellung empfehlenswerter Kinder- und Bilderbücher
ist unter folgender Adresse zu beziehen:
Arbeitskreis für Jugendliteratur
Metzstraße 14
81667 München
Quelle: dgs - Deutsche Gesellschaft
für Sprachheilpädagogik e.V. |
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