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Myofunktionelle Störungen

"Mama, meine Kieferorthopädin hat gesagt, daß
ich zur Sprachtherapie muß. Aber ich spreche doch gut!"
Was hat die Zahnstellung mit dem Sprechen und dem Zusammenspiel
der Muskeln im Mund zu tun? Kann man beim Schlucken etwas falsch
machen? Warum stört der Schnuller im Mund? Was bewirkt eine ungünstige
Körperhaltung? Auf all diese Fragen werden Sie nach dem Lesen eine
Antwort wissen!
1. Funktionen im Gesichtsbereich
Der Mund hat viele Aufgaben. Für einen Säugling ist er das zentrale
Wahrnehmungsorgan. Nimmt der Säugling Gegenstände in den Mund, so
entdeckt er ihre Form und Beschaffenheit. Die detaillierten Sinneseindrücke,
die der Mundraum ihm liefert, werden im Gehirn geordnet und gespeichert.
Weitere Funktionen sind die Nahrungsaufnahme. Beim Aufnehmen, Betasten,
Schmecken, Zerkleinern und Schlucken von Speisen hat die Zunge als
zentrales Mundorgan eine entscheidende Bedeutung. Mit ihrer großen
Beweglichkeit nimmt sie Kontakt zu Lippen, Wangen, Kiefer und Zähnen
auf. Als Weichgewebe (Muskel) hat sie damit auch formenden Einfluß
auf Hartgewebe wie Kiefer, Gaumen und Zähne.
Besondere Bedeutung kommt dem Schlucken zu. Normale Schluckbewegungen
formen im Kindesalter den Oberkiefer aus. So werden wichtige Voraussetzungen
für eine gute Aussprache geschaffen. Der Mensch schluckt bis zu
2000x am Tag, im Durchschnitt 2x pro Minute. Der Schluckvorgang
verläuft ohne daß wir darüber nachdenken. Zunächst wird die Nahrung
abgebissen und mit den Zähnen zerkleinert. Die Speise wird dann
mit Speichel vermischt und zu einem Speisebrei geformt, der auf
der Zungenmitte plaziert wird. Danach drückt die Zungenspitze hinter
die vorderen Schneidezähne, berührt dabei aber keinen Zahn. Mit
einer wellenförmigen Zungenbewegung wird dann die Speise am Gaumen
entlang in den Rachen befördert. Dort wird ein Schluckreflex ausgelöst.
Er läuft automatisch ab und ist nicht beeinflußbar. Beim gesamten
Kau- und Schluckvorgang sind die Lippen geschlossen. Kurz vor dem
eigentlichen Schlucken schließen sich die Zähne, damit keine Speise
in die Wangentaschen fällt.
In Ruhe - also wenn nicht gerade geschluckt oder gesprochen wird
- liegt die Zunge hinter den oberen Schneidezähnen auf einem Wulst,
der Papilla incisiva. Dies ist der sogenannte Zungenruhelagepunkt.
Die Lippen sind geschlossen. Die Luft wird durch die Nase eingeatmet.
Aufgrund der Still- bzw. Saugbewegung kann die Zunge bei Säuglingen
und Kleinkindern bis zu einem Alter von ca. 3 Jahren zwischen den
Zähnen liegen. Diese Art des Schluckens nennt man kindliches Schluckmuster
oder auch infantiles Schlucken.
Mit der Zeit entwickelt sich das Sprechen. Die Artikulation ist
ebenfalls auf fein aufeinander abgestimmte Bewegungen von Zähnen,
Kiefer, Lippen, Zunge, Wangen angewiesen. Zahlreiche Muskeln sind
beteiligt, wenn wir beispielsweise [b - p] oder [d - t] aussprechen.
Im Mund besteht normalerweise ein Gleichgewicht zwischen festen
Strukturen (Kiefer, Zähne, Gaumen) und den umliegenden Muskelgruppen
(Lippen, Wangen, Zunge). Dieses Gleichgewicht wird durch "Teamarbeit"
verschiedener miteinander verbundener Körperbereiche hergestellt.
So unterstützt eine aufrechte Körperhaltung eine gerade Kopfhaltung.
Diese ist ihrerseits Voraussetzung für optimale Bewegungen im Mund-
und Gesichtsbereich. Ebenso ist eine normale Zahn- und Kieferstellung
für eine korrekte Aussprache und eine problemlose Nahrungsaufnahme
notwendig. Geschlossene Lippen sind Voraussetzung für die gesundheitsförderliche
Nasenatmung usw.

2. Erscheinungsformen und Ursachen gestörter Funktionen in Mund
und Gesicht
Dieses Gleichgewicht von festen Strukturen und umliegenden Muskelgruppen
ist jedoch störanfällig. Eine Veränderung im Mund- und Gesichtsbereich
zieht oft viele andere Veränderungen nach sich. Das ganze System
gerät ins Ungleichgewicht. Meist ist nicht herauszufinden, was die
eigentliche auslösende Ursache war, weil oft mehrere der im folgenden
beschriebenen Störungen gleichzeitig in Erscheinung treten.
2.1 Gewohnheiten
Viele Kinder haben bestimmte Gewohnheiten wie Daumenlutschen, Schnullern,
Lippenbeißen, an Gegenständen (z.B. Kuscheltier) saugen.
Immer wiederkehrende Gewohnheiten haben oft die Aufgabe, das Kind
zu beruhigen. Das Lutschen am Daumen oder das Nuckeln am Teddy dienen
als Einschlafhilfe oder als Helfer in stressvollen Situationen (bei
Streit, spannenden Fernsehsendungen etc.).
Leider
üben einige dieser liebgewonnenen Gewohnheiten, je länger sie beibehalten
werden, einen schädlichen Einfluß auf das Gleichgewicht von Kiefer,
Zähnen und Muskeln aus. Sie können je nach Häufigkeit und Intensität
den Kiefer verformen oder die Zahnstellung verändern. Das Daumenlutschen
bewirkt, daß der Oberkiefer schmal und spitz nach vorne gezogen
wird. Die oberen Schneidezähne sind damit zwangsläufig in einer
fehlerhaften Stellung. Der Raum für die Zunge im Oberkiefer wird
zu eng, so daß sie sich nach vorne zwischen oder gegen die Zähne
orientiert. Ein falsches Schluckmuster entsteht.
Auch Jugendliche und Erwachsene können bestimmte Gewohnheiten wie
z.B. Zähneknirschen, -pressen, Zungenpressen, Wangensaugen, Nägelkauen
haben. Diese können sowohl am Tag als auch in der Nacht auftreten.
Sie werden meistens unbewußt eingesetzt. Häufig werden sie durch
Streß verursacht und dienen dem Spannungsabbau.
Diese Gewohnheiten können ebenfalls schädlichen Einfluß auf die
Zähne, den Zahnersatz, das Zahnfleisch, und das Kiefergelenk ausüben.
Kopfschmerzen und Gesichtsverspannungen können die Folge von zu
starkem Druckaufbau durch Zähneknirschen, -pressen und/ oder Zungenpressen
sein. Häufig wird bei einem fehlerhaften Schluckmuster auch Luft
mitgeschluckt. Diese Luft kann u.a. Magendrücken oder Blähungen
auslösen.
2.2 Zahn- und Kieferstellung
Zahn- und Kieferfehlstellungen können verschiedene Ursachen haben.
Sie können angeboren sein, durch Unfälle oder durch schädliche Gewohnheiten
wie Daumenlutschen (s.o) hervorgerufen werden. Eine normale Zahn-
und Kieferstellung ist jedoch Voraussetzung für eine ungestörte
Nahrungsaufnahme und für richtiges Sprechen.
Besteht beispielsweise eine Lücke zwischen den oberen und unteren
Frontzähnen, so orientiert sich die Zunge fast immer dorthin. Sie
drückt dann beim Schlucken anstatt gegen den Gaumen, gegen bzw.
zwischen die Zähne. Durch die Kraft der Zunge werden die Zähne immer
weiter auseinander gefächert. Dadurch entsteht eine Zahnfehlstellung,
die Fachleute "offenen Biß" nennen. Das kann der Beginn einer auf
Dauer fehlerhaften Zungenmotorik sein und hat Konsequenzen. Sind
nämlich diese orchesterähnlich aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufe
an einer Stelle gestört, wirkt sich diese Störung auf alle beteiligten
Muskeln im Mundraum aus. Auch beim Sprechen liegt die Zunge dann
viel zu weit vorne und stößt gegen oder zwischen die Zähne. So entstehen
Lispeln und andere Artikulationsfehler. Außerdem ist es fast unmöglich,
den Mund zu schließen, so daß zwangsläufig durch den Mund anstatt
durch die Nase geatmet wird.
2.3 Abweichendes Schluckmuster 
Von abweichendem oder falschem Schluckmuster wird immer dann gesprochen,
wenn die Zunge beim Schlucken anstatt gegen den Gaumen gegen oder
zwischen die Zähne drückt. Es gibt unterschiedliche Formen von Schluckabweichungen.
Die Zunge kann gegen die oberen oder/und unteren Schneidezähne drücken,
sich zwischen die Frontzähne schieben oder einseitig bzw. beidseitig
gegen oder zwischen die Backenzähne pressen. Häufig orientiert sich
die Zunge dahin, wo eine Zahnfehlstellung ist, drückt sich also
beim Schlucken in eine Zahnlücke hinein.
Die Ursachen für ein falsches Schluckmuster sind kaum eindeutig
herauszufinden. Was war zuerst da?
Das falsche Schluckmuster oder bestimmte Lutschgewohnheiten?
Das falsche Schluckmuster oder die Zahn-, Kieferfehlstellung?
Das falsche Schluckmuster oder die Artikulationsstörung?
Fest steht, daß beim Schlucken Kraft ausgeübt wird, um den Speichel
oder die Nahrung in den Rachen zu transportieren. Über viele Jahre
hinweg kommt dabei eine Zugkraft zustande, die der eines LKWs entspricht.
Beim normalen Schlucken übt die Zunge ausschließlich Kraft gegen
den Gaumen aus. Wird diese Kraft jedoch gegen oder zwischen die
Zähne gepreßt, besteht die Gefahr, daß Zähne sich verschieben oder
sogar Kiefer sich verformen, da die Zähne im Gegensatz zum Gaumen
der Zungenkraft nicht standhalten können.
2.4 Artikulationstörungen
Viele Kinder können einige Laute nicht richtig bilden. Häufig fehlgebildete
Laute in Verbindung mit einem falschen Schluckmuster sind /s/, /sch/,
/ch/, /z/, /t/, /d/, /1/ und /n/. Dabei drückt sich die Zunge beim
Sprechen fälschlicherweise zwischen oder gegen die Zähne. Am bekanntesten
ist das Lispeln. Seltener findet man auch bei Erwachsenen eine Störung
der Zischlaute (/s/, /sch/, /ch/). Es gibt viele Ursachen für eine
gestörte Lautbildung, z.B. Hör- und Wahrnehmungsstörungen. Eine
häufige Ursache ist eine fehlerhafte Bewegung der Lippen- und Zungenmuskulatur.
Die an der Aussprache beteiligten Muskeln können zu schwach oder
zu stark sein, so daß die richtigen Zungen- und Lippenbewegungen
nicht ausgeführt werden können. Eine veränderte Zahn- und/ oder
Kieferstellung sowie ein damit häufig verbundenes falsches Schluckmuster
können die normale Lautbildung behindern. Schon bei einer veränderten
Zungenruhelage - z.B. an oder zwischen den Schneidezähnen - kann
die Aussprache gestört sein.
2.5 Mundatmung
Normalerweise atmen Menschen durch die Nase. Auf diese Weise wird
die eingeatmete Luft angewärmt, gereinigt und befeuchtet. Dadurch
sind Personen mit einer Nasenatmung z.B. weniger gefährdet, eine
Erkältung zu bekommen. Die Ursachen für eine schädliche Mundatmung
sind vielfältig. Einerseits können Polypen, häufig entzündete Mandeln
und Erkältungskrankheiten den freien Atmungsweg durch die Nase verhindern.
Andererseits gibt es bestimmte Zahn- und Kieferfehlstellungen, die
den Mundschluß erschweren, so daß der Mund offen steht und damit
durch ihn auch geatmet wird. Ebenso können Allergien eine Ursache
für Mundatmung sein. Eine schiefe Nasenscheidewand kann die Luftdurchlässigkeit
durch die Nase verhindern.
Selbst wenn die Ursache für die Mundatmung behoben wurde, wird sie
häufig beibehalten, da sie zur Gewohnheit geworden ist.
Die
Mundatmung wiederum begünstigt eine falsche abgesenkte Zungenruhelage.
Liegt die Zunge nicht am Gaumen, sondern am Mundboden, kann die
Zunge im Kindesalter den Oberkiefer nicht ausformen. Ein schmaler
hoher Gaumen kann entstehen.
Zur Klärung der Ursache von Mundatmung ist in vielen Fällen eine
HNO-ärztliche Untersuchung notwendig.
Der Kopf ist bekanntlich über die Wirbelsaule sowie viele Muskeln
und Sehnen mit dem Gesamtkörper verbunden. In den letzten Jahren
hat man herausgefunden, daß Zusammenhänge zwischen Störungen der
Körperhaltung und Störungen des Kopf-/ Mundbereiches bestehen. Störungen
im Bereich von Mund und Gesicht können sich auch auf den Gesamtkörper
auswirken, und Störungen des Gesamtkörpers (z.B. Wirbelsäulenschäden)
können wiederum den Mund-/Gesichtsbereich ungünstig beeinflussen.
Beispielsweise haben Untersuchungen gezeigt, daß bei Menschen mit
einem Beckenschiefstand vermehrt ein seitlich offener Biß auftritt.
Auch die Körperspannung hat Einfluß auf den Mundund Gesichtsbereich.
Menschen, die eher angespannt sind, neigen auch zu Verspannungen
in Kopf, Gesicht und Mundraum. Zähneknirschen, Zungenpressen oder
Spannungskopfschmerzen können Symptome sein. Menschen, die eine
eher schlaffe Körperhaltung haben, zeigen oft zu wenig Muskelspannung
im Gesicht und im Mund. Bei ihnen ist häufig eine offene Mundbaltung
und eine geringe Kauaktivität zu beobachten.
Das Gleichgewicht im Mund- und Gesichtsbereich kann weiterhin gravierend
beeinträchtigt werden infolge von:
Schädel-Hirn-Verletzungen
Veränderungen der Sprechwerkzeuge
( Lippen, Zunge, Kiefer) beispielsweise durch
TumorentTernungen
oder Verletzungen
Operationen zur Verbesserung
von Kieferfehistellungen
Syndrom-Erkrankungen (z.B. Down-Syndrom)
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten
3. Myofunktionale Therapie
Stellt ein Arzt oder eine Ärztin eine Störung im Zusammenspiel dieser
Muskeln fest, empfiehlt er/sie eine Myofunktionelle Therapie (myo=Muskel),
d.h. eine die Muskelfunktionen verbessernde Behandlung. Diese wird
in der Regel von Sprachtherapeutinnen durchgeführt, die auf diese
Form der Behandlung spezialisiert sind.
Die Myofunktionelle Therapie findet Anwendung in folgenden Bereichen:
Vorbeugung und Unterstützung
zur Kieferorthopädie (z.B. Zahn- und Kieferfehistellung)
Unterstützung zur Sprachtherapie
(z.B. Lautbildungsfehler)
Unterstützung der Zahnmedizin
(z.B. Prothetik, Zahnerhaltung, Kiefergelenksprobleme)
Unterstützung der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
(z.B. Mundatmung)
Störungen im Mund-Gesichts-Bereich können viele Ursachen haben und
zu sehr unterschiedlichen Auswirkungen führen. Für eine erfolgreiche
Behandlung ist daher die Zusammenarbeit und der Informationsaustausch
zwischen diesen verschiedenen Fachberufen notwendig.
Was passiert nun in der Sprachtherapie bei der myofunktionellen
Behandlung?
Zunächst ist eine detaillierte Diagnose der gegebenen Auffälligkeiten
notwendig. Hierzu wird die Gesamtkörperhaltung, der Schulterstand
sowie die Kopfhaltung beobachtet.
Im weiteren werden alle im Gesicht und im Mundraum befindlichen
Muskeln durch Bewegungsübungen oder Abtasten beurteilt. Es wird
auf die Atmung und den Mundschluß geachtet und es werden Fragen
zu Gewohnheiten und zur Ernährung gestellt. Die Wahrnehmungsfähigkeit
im Mundraum und die Zungenbewegungen beim Schlucken und Sprechen
werden analysiert.
Am Ende sollte eine weitgehend komplette Beschreibung der individuellen
Situation im und um den Mundraum entstanden sein.
Der dann auszuarbeitende Behandlungsplan geht auf alle Komponenten
individuell ein.
3.1 Veränderungen schädlicher Gewohnheiten
Bereits Vorschulkinder können beim Abgewöhnen von schädlichen Gewohnheiten
therapeutisch begleitet werden. Dadurch werden Zahnfehistellungen
verhindert oder zumindest positiv beeinflußt. Der Einsatz von Mundvorhofplatten
(eine Art Schnuller ohne Nuckel), die wie ein Lippenschild zwischen
Lippen und Zähnen liegen, kann beim Abgewöhnen des Daumenlutschens
sinnvoll sein. Sie helfen, den Kieferbogen physiologisch zu formen.
Ihr Einsatz sollte mit dem Zahnarzt abgesprochen werden.

Bei Erwachsenen geht es zunächst um die Bewußtmachung der Gewohnheiten.
Die Zusammenarbeit mit dem Zahnarzt oder dem Kieferorthopäden ist
hier sehr wichtig, da durch die Anpassung einer sogenannten Aufbißschiene
erst einmaL der Druck auf die Zähne und das Kiefergelenk reduziert
werden kann. Damit sind jedoch die Ursachen für die schädliche Gewohnheit
noch nicht beseitigt.
Die Behandlung des Mundraumes führt oft erst zum Erfolg, wenn zusätzlich
Methoden zum Streßabbau (Autogenes Training, Feldenkrais, Alexander
Technik, Progressive Muskelentspannung etc.) sowie gezielte Entspannungstechniken
für den Mund-/Gesichtsbereich angewendet werden. Ziel ist eine Umsetzung
den Alltag.
3.2 Schlucktraining
Ab einem Alter von ca. 7 Jahren kann die Sprachtherapeutin mit der
Myofunktionellen Therapie beginnen. Häufig wird hier ein geradezu
sportlicher Ehrgeiz der Patientinnen und Patienten angeregt.
In einem mehrphasigen Programm werden der richtige Zungenruhelagepunkt
und schrittweise die neue Schluckbewegung erlernt; beides wird nach
und nach in den Alltag integriert. Dabei werden schwache Muskeln
gestärkt, zu starke Muskeln entspannt und die Wahrnehmung im Mundraum
gefördert.
Da Muskelbewegungen nur durch häufiges Trainieren verändert werden
können, müssen ca. dreimal täglich bestimmte Ubungen zu Hause durchgeführt
werden. Dieses Training ist zeitlich aufwendig (dreimal täglich
ca. 5- 15 Min.) und sollte, damit es nicht vergessen wird, gut in
die konstanten Alltagsverpflichtungen integriert werden.
Die Behandlungsdauer richtet sich nach den individuellen Bedingungen:
Alter, Schwere und Komplexität der Auffälligkeit, Mitarbeitsbereitschaft,
Veränderungswille etc.
Zunächst wird intensiv die korrekte Ruhelage und das korrekte Schluckmuster
erlernt. Anschließend wird das Erlernte in den Alltag integriert.
In einer letzten Phase wird in größeren zeitlichen Abständen kontrolliert,
ob das erlernte Muster zur neuen Gewohnheit geworden ist.
Mit
jüngeren Kindern wird das direkte Schlucktraining noch nicht durchgeführt.
Hier verbessern vorbereitend mundmotorische Spiele die Wahrnehmung,
Bewegung und Koordination beim Atmen, Schlucken und Sprechen. Gegebenenfalls
wird die Nasenatmung angebahnt und der Mundschluß gefördert. Die
Zungenruhelage kann als Voraussetzung für ein korrektes Schluckmuster
und eine fehlerfreie Aussprache spielerisch eingeübt werden.
3.3 Verbesserung der Artikulation
In der Sprachtherapie wird die Myofunktionelle Therapie mit Ubungen
zur Verbesserung der Artikulation verbunden. Dabei lernen die Kinder/Patienten,
Sprachlaute, die aufgrund des . falschen Schluckmusters fehigebildet
werden, richtig zu bilden. Zuerst werden die Laute einzeln trainiert
und dann Schritt für Schritt in Wörtern, Sätzen und im freien Erzähten
eingeübt. Je nach Alter wird dazu abwechslungsreiches Bild-, Spieloder
Schriftmaterial eingesetzt.
3.4 Nasenatmung
Nachdem HNO-ärztlich die Luftdurchlässigkeit der Nase abgeklärt
wurde, kann mit dem Einüben des
Mundschlusses begonnen werden. Hierzu wird dem Patienten der Atemweg
bewußt gemacht. Die Therapeutin mißt am Anfang und während der Ubungsbehandlung
die Lippenkraft. Lippenhaltung und Lippenkraft werden durch spielerische
Bewegungs- und Halteübungen verbessert. Um einen dauerhaften Mundschluß
zu erreichen, muß die neu erlernte Lippenhaltung zur alltäglichen
Gewohnheit werden. Erinnerungshilfen (z.B. Kärtchen oder Aufkleber)
sind dabei sinnvoll.
3.5 Körperhaltung
Haltungsverbessernde Ubungen werden gezeigt, um eine günstige Körperhaltung
zu fördern. Gegebenenfalls wird auf weiterführende Angebote wie
"Rückenschule", Krankengymnastik oder Entspannungskurse hingewiesen.
4. Tips zur Vorbeugung und Unterstützung
Stillen
Stillen Sie, wenn eben möglich, mindestens 6 Monate. Beim Stillen
wird das harmonische Zusammenspiel der Muskeln eingeübt.
Gewohnheiten
Achten Sie auf eine Befriedigung der Saug-, Schmatzund Lutschbedürfnisse
Ihres Kindes, in dem Sie ihm z.B. Brotkrusten, Möhren, Beißringe
oder Veilchenwurzeln (Drogerie) zum Lutschen und Kauen geben. Ein
Schnuller sollte nur bei Bedarf gegeben werden. Für die Ausformung
des Mundraumes ist er jedoch weniger schädlich als Daumen oder Finger.
Der Schnuller sollte weich sein und leicht aus dem Mund fallen,
damit so wenig wie möglich genuckelt wird.
Gönnen Sie sich als Erwachsener bei Gewohnheiten wie Zähneknirschen,
Zungenpressen etc. regelmäßig Entspannung, Auszeiten und Erholung.
 Ernährung
Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, die abwechslungsreich
sein sollte, um die Geschmacks- und Riechzellen zu entwickeln und
zu erhalten. Knäckobrot, Volikornbrot, rohes Gemüse, Obst und Fleisch
regen das Kauen an.
Atmung
Bei vorwiegender Mundatmung sollten Sie zuerst einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt
zur Klärung eventueller organischer Störungen aufsuchen. Ubungen
zur Nasenatmung und zu verschiedenen Atemtechniken kann Ihnen die
Sprachtherapeutin zeigen.
Haltung
Sport und jede Art von Bewegungsspielen sind notwendig für eine
gute Körperhaltung. Sie fördern eine harmonische und unverkrampfte
Haltung.
Motivationshilfen für Kinder während einer Myofunktionellen
Therapie
Anders als Erwachsenen fällt es Kindern oft schwer, mit der nötigen
Ausdauer beim Schlucktraining zu bleiben. Sie helfen Ihrem Kind
am besten, indem Sie sich neugierig ~ zeigen, erklären lassen, was
es denn zu üben hat und 1 einige Ubungen spielerisch gemeinsam durchführen.
Viel Lob für konsequentes Uben ist wichtig. Uberlegungen, wie das
tägliche Uben sinnvoll in das Alltagsgeschehen eingebettet werden
kann, sind hilfreich. Erinnerungshilfen wie ein roter Punkt auf
dem Badezimmerspiegel, ein Aufkleber auf dem Trinkbecher oder ein
roter Mund auf dem Federmäppchen sind unterstützend.
Spielerische Übungen
Bereits im Kindergartenalter können Sie spielerisch die Empfindsamkeit
Ihres Kindes im Mundraum erhöhen. Zum Beispiel können Trockenfrüchte,
Nüsse und diverse Körner sowie kleine Nudelformen oder Buchstabennudeln,
bei geschlossenen Augen auf die Zunge gelegt, nu r du rch Ertasten
mit der Zunge erraten und voneinander abgegrenzt werden.
Für einen besseren Mundschluß können Sie bei sprachfreien Spielen
etwas von den Lippen festhalten lassen (Schaschlikstäbchen, Spatel,
Eßpapierstreifen). Auf diese Weise lassen sich täglich ca. 5-10
Minuten der Mundschluß und die Nasenatmung üben.
Gesichts- und Zungenbewegungen fördern Sie am besten, indem Sie
gemeinsam mit Ihrem Kind vor dem Spiegel Grimassen schneiden und
lustige Zungen- und Lippenbewequngen ausprobieren. Auch zuckerfreie
Kaugummis können helfen, wenn sie bei geschlossenen Lippen kräftig
gekaut werden.
Weitere Anrequngen erhalten Sie in folgenden Büchern.
Adams, I./Struck, U/Tillmanns-Karus,
M.:
Kunterbunt rund um den Mund. Materialsammlung für die mundmotorische
Ubungsbehandlung. Dortmund 1996
Struck, V./Mols, D.:
Atem-Spiele. Anregungen für die Sprach- und Stimmtherapie mit Kindern.
Dortmund 1998
Quelle: dgs - Deutsche Gesellschaft
für Sprachheilpädagogik e.V. |
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