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Störungen des Spracherwerbs
Sprachstörungen bei Kindern haben in den
letzten Jahren alarmierend zugenommen. Die Gründe dafür
sind vielfältig (s.u.).
Darüber hinaus sind viele Menschen aufmerksamer gegenüber
Sprachstörungen geworden. Hinzu kommt ihr Wissen um die positiven
Wirkungen von sprachtherapeutischer Förderung. Früheren
pauschalen Aussagen wie "Das wächst sich schon
aus!" oder "Da kann man nichts machen!"
haben einer differenzierteren Betrachtung und weiterführenden
Unterstützungsangeboten Platz gemacht.
Eine spezifische sprachtherapeutische Beratung und / oder Förderung,
die einhergeht mit förderndem Verhalten im Alltag, erhöht
die Chancen von entwicklungsgefährdeten Kindern in unserer
(schrift)sprachlich geprägten Gesellschaft.
1. Der Spracherwerb
Die Voraussetzungen für einen ungestörten Spracherwerb
beginnen mit der Schwangerschaft. Hierbei entwickelt das ungeborene
Kind seine biologischen Anlagen, um Sprache erwerben und anwenden
zu können. Nach der Geburt kommt die sprachliche Zuwendung
seitens der Eltern, Geschwister, Verwandten und anderer Menschen
hinzu.
Der Spracherwerb beginnt lange bevor das Kind selber sprechen kann.
Er umfasst verschiedene Bereiche: die Aussprache, den Wortschatz,
die Grammatik, die Anwendung von Sprache, das Sprachverständnis,
den Redefluß und nicht zuletzt das Sprachgefühl.
Voraussetzungen für einen ungehinderten Spracherwerb sind:
die
Kontrolle über Bewegungen vor allem der Körperteile, die
für das Sprechen
zuständig
sind, z.B. Zunge und Lippen
eine
exakte Sinneswahrnehmung der von außen auf das Kind einströmenden
Reize wie Gehörtes
und Gesehenes, aber auch anderer Sinnesreize wie „Spüren",
die Informationen
über die Lage einzelner Körperteile geben
psychische
Fähigkeiten, die die Verarbeitung von Informationen betreffen
oder Voraussetzung
dafür sind
wie z.B. Konzentration und Aufmerksamkeit
eine
soziale Atmosphäre, in der das Kind sich angenommen fühlt
und sprachliche Anregungen
bekommt.
Eigentlich ist es immer wieder ein kleines Wunder, daß viele
Kinder ohne große Mühe sprechen lernen. Doch zahlreiche
von ihnen haben Schwierigkeiten dabei. Um solche Störungsformen
des Spracherwerbs wird es im Folgenden gehen.
2. Erscheinungsbild gestörter Sprachentwicklung
Wir sprechen von gestörter Sprachentwicklung, wenn es zu deutlichen
zeitlichen Verzögerungen und/oder anders als normal verlaufenden
Entwicklungen in mehreren sprachlichen Bereichen kommt. Als Faustregel
gilt das Alter von ca. vier Jahren. Spricht Ihr Kind dann noch auffällig
anders als andere Kinder, sollte es dringend Fachleuten vorgestellt
werden.
Häufig bestehen bereits vorher Anzeichen, die eine gestörte
Sprachentwicklung wahrscheinlich machen. Dies sind:
ein
herabgesetztes Hörvermögen
häufig
unangemessene Reaktionen auf altersgemäße sprachliche
Aufforderungen
das
Ausbleiben bzw. das Verstummen der Lallphase um den 7. Lebensmonat
herum
eine
mangelnde Bewegungskontrolle vor allem im Gesichts-Mundbereich (z.B.
vermehrter
Speichelfluß
über das 2. Lebensjahr hinaus)
das
erst mit eineinhalb Jahren verspätet einsetzende Auftreten
erster Wörter
verlangsamte
Entwicklungsfortschritte in allen sprachlichen Bereichen, was sich
u.a. in einem
geringen Wortschatz
von weniger als 100 Wörtern im Alter von 3 Jahren, auffällig
mangelnde
Verständlichkeit
des Sprechens sowie dem Fehlen von Zweiwortsätzen im Alter
von
ca. 2 Jahren
äußern kann
die
mangelnde Fähigkeit im Alter von ca. 3 Jahren Fragen zu formulieren.
2.1
Entwicklungsstörung der Aussprache
Es gibt zwei grob unterscheidbare Fehlerquellen, die nicht immer
eindeutig voneinander getrennt wirksam werden. Entweder können
ein oder mehrere Laute nicht gebildet werden, oder Kinder kennen
Regeln noch nicht, die sie brauchen, um einen Laut richtig einzusetzen.
Dabei kommt es zu verschiedenen Fehlerarten. Manchmal wird beispielsweise
ein Laut:
ausgelassen
(Bsp.: lümpfe statt Schlümpfe)
anders
gebildet (Bsp.: beim sogenannten Lispeln wird der S-Laut
fälschlicherweise
mit der Zunge
zwischen den Zähnen ausgesprochen)
durch
einen anderen durchgehend ersetzt, was z.B. häufig bei /K/
und /T/ der Fall ist
(Bsp.:
Tut mal, da tommt der Tasper mit der Taffeetanne)
Ein anderes Mal sind ganze Silben von der Auslassung betroffen
(Bsp.: nane statt Banane) oder sie sind in ihrer Reihenfolge
vertauscht oder verschmolzen (Bsp.: Pfeigel statt Pfeil
und Bogen).
Je mehr Laute betroffen sind, desto unverständlicher wird die
Aussprache des Kindes. Doch wie Sie anhand der kleinen Beispiele
erahnen, kann es selbst bei einem einzelnen fehlerhaften Laut bereits
zu gravierenden Mißverständnissen kommen. Vor allem dann,
wenn dadurch Bedeutungsunterschiede, wie an dem Wortpaar „Kanne
- Tanne" deutlich wurde, nicht entsprechend lautlich gekennzeichnet
sind.
2.2 Entwicklungsstörungen des Wortschatzes
Probleme zeigen sich sowohl in einem reduzierten Umfang an „Wörtern"
sowie in spezifischen Lösungsstrategien des Kindes bei sprachlichen
Anforderungen.
Eine beobachtbare Strategie ist, unbekannte Wörter zu ersetzen.
Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, z.B. durch Umschreibung.
So bezeichnete ein Kind beispielsweise ein Glas Limonade als „Glas
mit Gelbes drin". Manchmal antworten sprachgestörte Kinder
mit Wörtern aus dem benachbarten Umfeld dessen, was sie sagen
wollen. Zum Beispiel benannte ein Kind die Abbildung einer Nase
als Ohr, eine Laterne als Lampe bzw. Taschenlampe, eine Zitrone
als Aprikose sowie einen Rock als Kleid. Deutlich wird hier, daß
es sich nicht lediglich um einen einzelnen Versprecher handelt,
sondern um eine systematische Fehlleistung.
Oft finden Annäherungen statt, so als erarbeite sich das Kind
das Zielwort über „Eselsbrücken", was sich
in folgender Wortreihe widerspiegelt: „Schuhe - nein,
Schuhmann - nein, - Schuster!"
Diese
Formen und Beispiele von Ersetzungen ließen sich noch fortsetzen.
Sie zeigen uns, daß die Wörter im „Kinderlexikon"
fehlen, der schnelle Zugriff darauf erschwert ist oder die Bedeutung
eines Wortes noch nicht ausdifferenziert ist.
Wenn Kinder um ihre Schwierigkeiten wissen, versuchen sie teilweise
geschickt den Situationen aus dem Weg zu gehen, indem sie bestimmte
Spiele oder Aufgaben meiden. Andere wiederum schweigen, sind wortkarg
oder greifen auf frühkindliche Verständigungsmöglichkeiten
zurück. Dies kann nichtsprachlich durch das Zeigen auf einen
Gegenstand geschehen oder sprachlich durch „Zeige - Wörter"
wie „das da" oder „die
da". Manche Kinder führen ihr Gegenüber
zu dem Gegenstand, den sie meinen.
2.3 Entwicklungsstörungen der Grammatik
Wendet Ihr Kind im Alter von ca. vier Jahren die Regeln für
die Stellung und Formung der Tätigkeitswörter bei einfachen
Sätzen überwiegend fehlerhaft an, ist dies ein herausragender
Hinweis auf eine Störung der Grammatikentwicklung.
Charakteristisches Kennzeichen für diese gestörte Entwicklung
ist, gebeugte Tätigkeitswörter bei einfachen Aussagesätzen
an das Satzende zu stellen. Oder aber bei richtiger Position im
Satz eine unpassende Form auszuwählen, die mit anderen Satzteilen
nicht übereinstimmt. Bei Sätzen wie "lch
größer bin." oder "Rita
machen eine kleine Pause." oder "Da
war wir drin." sind daher weitere Beobachtungen
notwendig. Oft ist dies nur die „Spitze des Eisberges".
Der Artikelgebrauch sowie die Mehrzahlbildung bei Hauptwörtern
und deren Eingliederung in einfachen Sätzen bereitet sprachentwicklungsgestörten
Kindern ebenfalls Probleme, wie in folgendem kurzen Gespräch
sichtbar wird: Kind:"Da ist nur eine Auto."
Therapeutin: "Da ist nur ein Auto, genau!"
Kind: "Da sind ganz viele Auto_. Und der
Kind ist wieder fröhlich."
Andere Abweichungen kommen meist hinzu' wie beispielsweise der unzutreffende
Einsatz der Hilfsverben „sein" und „haben"
in folgenden Kinderäußerungen: "Ich hab
bei die Schaukel runtergefall_. / Da ist ich und da ist
Rita./ Und da hab wir gegange bei die Turm."
Deutlich wird hieran ebenfalls, daß die korrekte Verwendung
von Präpositionen schwerfällt - und das in der Regel auch
noch über das 4. Lebensjahr hinaus. Sprachgestörte Kinder
benutzen jedoch auffällig oft lediglich eine bestimmte Präposition
durchgehend (wie hier: „bei die") als Platzhalter für
diese sprachliche Einheit.
Eine besondere Herausforderung stellen für sie weiterhin solche
sprachliche Feinheiten wie die Anwendung von grammatischen Fällen
innerhalb von Sätzen dar: "Ist das ein
echter Ei?" statt "Ist das ein
echtes Ei?"
2.4 Entwicklungsstörungen des Sprachgebrauchs
Schwierigkeiten in diesem Bereich erkennt man beispielsweise daran,
daß man als Zuhörende die Erzählungen der Kinder
über Erlebtes oder die Wiedergabe von Bildergeschichten nicht
ohne weitere Informationen nachvollziehen kann. Dazu ein kleiner
Ausschnitt aus einer Unterhaltung mit einem 5;7 Jahre altem Kind,
das vom Geburtstag des Vaters berichten möchte:
Therapeutin: „Ah - der Papa hat Geburtstag gehabt -
da habt ihr bestimmt doll gefeiert, he?"
Kind: „Ja! Ganz viele eingeladen - oh - ich ich hab
da immer Tür aufgemacht, klingelt (unverständliche Lautäußerungen)
die Treppen, ne, dreimal hoch und dann sin wir da un - dann mach
ich immer de Tür zu, versteck ich mich in de Tür"
2.5 Entwicklungsstörungen des Sprachverständnis
Wenn ein Kind auffallend oft unangemessen auf sprachliche Aufträge
reagiert, obwohl es Ihnen mit einem freundlich geäußerten
„Ja" seine Bereitschaft dazu signalisiert, kann dies
ein Hinweis auf Probleme beim Verstehen von Sprache sein. Oftmals
entstehen daraus ungewollt Spannungen zwischen dem Kind und seinem
sozialen Umkreis. Erwachsene gehen nämlich nicht selten fehl
in der Annahme, ihr Kind verstehe alles und deuten das Verhalten
als Verweigerung. In Folge davon sind sie verärgert und lassen
dies das Kind spüren. Dabei wird jedoch häufig übersehen,
daß sich Kinder viele Informationen aus der Situation heraus
„zusammenreimen". Wenn beispielsweise jemand auf eine
geöffnete Tür zeigt und sagt: „Mach bitte die Tür
zu!", unterstützt sowohl die Körpersprache als auch
die vermutlich vertraute Situation das Verständris des Auftrags
in hohem Maße.
2.6 Entwicklungsstörungen des Redefluß
Kinder zeigen während der Sprachentwicklung vielfältige
Formen unflüssigen Sprechens, die im Zusammenhang mit der allgemeinen
Sprachentwicklung d' stehen. Sie erfordern einen geduldigen und
sprach- _ motivierenden Umgang, sind jedoch in aller Regel nicht
behandlungsbedürftig.
Es gibt allerdings Redeunflüssigkeiten, die sich hinsichtlich
der Art und der Häufigkeit von den zuvor geschilderten unterscheiden.
Folgende Merkmale werden als Anzeichen für beginnendes Stottern
gewertet:
mindestens
3malige Wiederholungen von Teilen eines Wortes "Ko
- ko - ko - kommst Du ..."
sogenannter
Schwa-Laut "Be Be Be Banane"
Dehnungen,
länger als 1 Sekunde "Mmmmmama..."
Dauer:
Beobachten Sie diese Symptome bereits länger als 6 Monate?
Viele Kinder entwickeln ungünstige Strategien wie Vermeiden
bestimmter Wörter, Mitbewegungen anderer Körperteile etc.,
um solche Auffälligkeiten zu überwinden. Dies wird umso
eher der Fall sein, wenn sein Umfeld unangemessen damit umgeht.
Bei einigen Kindern ist die Sprechgeschwindigkeit erhöht. Hinzu
kommt u.a., daß sie beim Sprechen Teile eines Wortes auslassen
oder umstellen. Diese Form von Redeunflüssigkeit nennt man
„Poltern".
3. Ursachen
Bei der Frage nach den Ursachen muß man sowohl physiologische
als auch psycho-soziale Faktoren in Betracht ziehen.
Verursachende
Bedingungen im physiologischen Bereich betreffen die Körperbeschaffenheit
und die Funktionsweise von Organen und Organgruppen. Hier können
beispielsweise Fehlbildungen der Sprechwerkzeuge (Mund, Kehlkopf
und Nasen-Rachenraum), hirnorganische Störungen, Hörstörungen
oder Schwächen in verschiedenen Teilleistungsbereichen wie
Verarbeitung von Sinnesreizen, insbesondere von Gehörtem eine
Rolle spielen.
Mit „psycho-sozial" ist der enge Zusammenhang von sozialen
Bedingungen und psychischem Erleben und Verhalten gemeint. Kinder
und ihre Eltern leben heute teilweise unter erschwerten Lebensbedingungen:
eine hohe Arbeitslosenquote, berufliche Anforderungen, ein eingeschränkter
kinderunfreundlicher Lebensraum, ein verändertes Freizeitverhalten,
das durch vermehrten passiven Konsum (z.B. Fernsehen) gekennzeichnet
ist. Dies alles wirkt negativ auf das familiäre Miteinander
und die Qualität des „Miteinander-Redens".
Manchmal finden sich bei Sprachentwicklungsstörungen jedoch
keine verursachenden Hinweise aus einem der beiden Bereiche. Die
Sprachstörung scheint für sich zu bestehen.
4. Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen
Wann sollte eine Sprachtherapie beginnen?
Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Wichtig ist,
daß Sie bei den oben skizzierten früh erkennbaren Warnsignalen
Ihr Kind Fachleuten aus dem medizinisch-sprachtherapeutischen Bereich
vorstellen. So kann individuell geklärt werden, ob ein besonderer
Förderbedarf vorliegt. Dies kann bereits vor dem 4. Lebensjahr
geschehen, das ansonsten als Faustregel für eine Erstvorstellung
gilt. Spricht Ihr Kind dann noch auffallend anders als andere Kinder
sollte eine Diagnostik, eine Beratung der Eltern und gegebenenfalls
eine Sprachtherapie erfolgen.
Was geschieht in der Sprachtherapie?
Zunächst geht es darum genau zu ermitteln, inwieweit die sprachlichen
Fähigkeiten in den hier beschriebenen Bereichen entwickelt
sind und wobei Schwierigkeiten bestehen. Diesen Prozeß nennt
man Diagnostik. Im Anschluß daran werden Sie als Eltern darüber
informiert und hinsichtlich der weiteren Vorgehensweise beraten.
In einem Beratungsgespräch erfahren Sie auch, wie Sie im Alltag
sinnvoll unterstützen können.
Auf der Grundlage des individuellen Entwicklungsstandes Ihres Kindes
wird ein Therapieplan erstellt, d.h. die Inhalte der Sprachtherapie
werden festgelegt.

Allgemein kann man sagen, daß die Hörerziehung immer
eine wichtige Rolle spielen wird. Die Aufmerksamkeit des Kindes
wird auf Gehörtes gerichtet, die Unterscheidungsfähigkeit
von Geräuschen und Sprachlauten geschult und die Merkfähigkeit
trainiert. Dazu stehen verschiedenste Übungen und Materialien
zur Verfügung.
Weitere Fähigkeiten, die die sprachliche Informationsverarbeitung
verbessern, werden berücksichtigt. So ist es beispielsweise
notwendig, aufmerksamkeitsgestörte Kinder dabei zu unterstützen,
sich längere Zeit auf Spielhandlungen und Gegenstände
zu konzentrieren.
Auch die Förderung der Bewegung und Wahrnehmung, insbesondere
der Körperteile, die für das Sprechen benötigt werden,
ist Bestandteil einer Sprachtherapie. Dies können unterschiedliche
spielerische Bewegungsübungen im Gesichts-Mundbereich sowie
allgemeine Schmeck-, Riech- und Tastspiele sein. Sie verbessern
die Voraussetzungen für die korrekte Lautbildung, indem das
Kind ein sichereres Gespür beispielsweise für die Zungenlage
entwickelt und damit zielgerichtete Bewegungen ausführen lernt.
Die einzelnen sprachlichen Bereiche müssen spezifisch gefördert
werden. Hierfür stehen übergreifend besondere Techniken
zur Verfügung, die in der Sprachtherapie systematisch eingesetzt
werden. Sie bestehen u.a. darin, daß ausgewählte kindliche
Sprachfehler korrigiert wiedergegeben und erweitert werden. Das
Sprachangebot wird also so strukturiert, daß das Kind die
korrekten Regeln besser ableiten kann. Dabei wird der zu verbessernde
Anteil besonders betont, so daß die Aufmerksamkeit des Kindes
darauf gelenkt wird. Sagt ein Kind beispielsweise: "lch
war heute im Tinderdarten und hab depielt." könnte
die Antwort darauf lauten: "Oh, du warst im Kindergarten
und hast gespielt. Ich wette, du warst in der Bauecke."
Die Auswahl dessen, was dem Kind systematisch angeboten wird, richtet
sich nach dem individuellen Entwicklungsstand, der zuvor in der
Diagnostik ermittelt wird.
Wenn die Aussprache betroffen ist, werden nach verschiedenen Kriterien
betroffene Sprachlaute einzeln ausgewählt, die für eine
Weile im Mittelpunkt der Sprachtherapie sein werden. Je nach Schwerpunkt
der Störung geht es dann um die gezielte Anbahnung dieser Laute,
ein Training auf Laut-, Wort- und Satzebene, bis schließlich
die Anwendung in der Spontansprache des Kindes geübt wird.
Spielerisch werden dem Kind die bedeutungsunterscheidende Funktion
dieser Laute vermittelt. Dies erfolgt über sogenannte Minimalpaare,
d.h. Wortpaare wie z.B. Tasse - Kasse, die sich nur in einem Laut
unterscheiden, aber dadurch bereits eine völlig andere Bedeutung
erhalten.
Die
Erweiterung des Wortschatzes fließt in jeden sprachlichen
Austausch mit dem Kind ein. In der Sprachtherapie gehen wir darüber
hinaus systematisch vor, indem wir ausgewählte Wortfelder aus
dem kindlichen Erfahrungsbereich zeitweise besonders betonen. Spielsituationen,
beispielsweise zum Thema „Tiere" oder „Kleidung",
werden geschaffen und mittels verschiedener Materialien und Spielhandlungen
wiederholt angeboten, bis der Wortschatz in diesen Bereichen differenziert
und gefestigt ist. Dabei werden ebenfalls spielerische Wahrnehmungsübungen
eingesetzt, damit das Kind Wörter wie hart, rauh, süß,
rund, eckig etc. mit Bedeutung füllen kann.
Im Rahmen der Wortschatzarbeit lernt das Kind gleichzeitig die Bedeutung
verschiedener grammatikalischer Regeln. Mittels der zuvor beschriebenen
sprachtherapeutischen Techniken werden immer wieder grammatikalische
Veränderungen erfahrbar gemacht. So erfaßt und hört
es beispielsweise im konkreten Spiel, daß ein Unterschied
zwischen einem und mehreren Tieren besteht und dieser sich auch
sprachlich niederschlägt (Kuh - Kühe).
Nicht jede Regel läßt sich so gut veranschaulichen, da
manche rein sprachlich festgelegt sind. Das ist z.B. bei der Wahl
der Artikel der Fall. Dabei läßt sich inhaltlich nicht
begründen, warum es „das Mädchen" aber „der
Junge" heißt. Hier sind wiederholte Darbietungen und
Anwendungen notwendig, damit das Kind diese sprachlichen Regeln
behält.
Nichts motiviert mehr zum Sprechen als die Erfahrung, daß
man mit Sprache etwas bewirken und anderen Menschen nahe kommen
kann. Deshalb ist es wichtig, mit Kindern Gespräche zu führen.
Dies kann den Austausch über Erlebtes, das Erzählen von
Bildergeschichten, die Äußerung von Wünschen bei
der gemeinsamen Gestaltung sprachtherapeutischer Spiele oder Dialoge
in Rollenspielen beinhalten. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit
wird dabei geschult.
Indem das Kind häufig und systematisch Sprache, Gegenstände,
Gefühle und Handlungen eng verbunden erlebt, lernt es Sprache
zu verstehen. Daher setzen wir in der Sprachtherapie u.a. das handlungsbegleitende
Sprechen kontinuierlich ein (Bsp.: Spielhandlung: Ein Kind
kämmt die Haare einer Puppe. Begleitendes Sprechen: "Ah,
du kämmst der Puppe die Haare. Gleich sieht sie schön
aus!") Mit der Zeit löst sich das Sprachverständnis
zunehmend von der konkreten Situation.
Ist der Redefluß gestört, stehen je nach Alter und Entwicklungsstand
des Kindes verschiedene Fördermöglichkeiten zur Verfügung.
Ein wichtiger Ansatzpunkt insbesondere für jüngere Kinder
ist das sprachliche Vorbild der Therapeutin bzw. des Therapeuten.
Sie zeigen eine ruhige und spannungsarme Redeweise, die das Kind
nachahmt. Dabei wird das Sprechen oft fließender. Andere Techniken
wie Spannungen beim Sprechen zu erspüren und aufzulösen,
werden erarbeitet. Gleichzeitig sollen leichte Redeunflüssigkeiten
zugelassen werden. So soll verhindert werden, daß das Kind
ungünstige Strategien zur deren Überwindung entwickelt.
Auf diese Weise macht es immer wieder die Erfahrung, daß es
reden kann. Sprachliches Selbstbewußtsein wird aufgebaut.
Die Voraussetzungen dafür, daß sich fließenderes
Sprechen entwickelt, sind somit günstig. Von besonderer Bedeutung
ist hierbei die Beratung, Anleitung und Unterstützung des sozialen
kindlichen Umfeldes durch Fachleute.
Näheres dazu erfahren Sie in der Broschüre zu Redeflußstörungen
bei Kindern.
Das Sprachgefühl läßt sich besonders gut anregen
über Reime, Fingerspiele, Lieder und das Ausprobieren einzelner
sprachlich-stimmlicher Merkmale wie beispielsweise laut-leise, hoch-tief,
lang-kurz.
Welcher Bereich der Sprachentwicklung auch immer im Mittelpunkt
steht, und unabhängig davon, welche Methoden und Materialien
zur Förderung eingesetzt werden: Die Sprechfreude des Kindes
und das Gefühl des Angenommenseins ist enorm wichtig für
den Spracherwerb.
5. Tips zur Unterstützung von sprachgestörten Kindern
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, um sprachentwicklungsgestörte
Kinder im Alltag zu unterstützen. Sprachtherapeut/innen beraten
Sie umfassend und individuell, was für Ihr Kind sinnvoll ist.

Allgemein kann man sagen, daß die Förderung der Sprechfreude
im Mittelpunkt stehen sollte. Dies läßt sich u.a. dadurch
erreichen, daß Kinder für ihre Sprachfehler nicht kritisiert
oder getadelt werden. Sie helfen Ihrem Kind, wenn Sie fehlerhaft
Gesprochenes unkommentiert korrekt wiedergeben.
Sprachübungen sollten Sie nur nach Absprache mit Fachleuten
durchführen.
Darüber hinaus ist jede sprachliche Zuwendung förderlich:
das
handlungsbegleitende Sprechen bei Spielen und in alltäglichen
Situationen
das
Vorlesen und die gemeinsame Betrachtung von Kinderbüchern
Singen
Sprach-
und Reimspiele sowie
Unterhaltungen
im Familienkreis.
Wichtig ist dabei, daß Störquellen wie Lärm oder
Unterbrechungen (z.B. durch Radio, Fernseher oder Telefonate) reduziert
werden.
Mehr Tips erfahren Sie in der Broschüre „Förderung
des Spracherwerbs", die ebenfalls über die Deutsche Gesellschaft
für Sprachheilpädagogik (dgs) erhältlich ist.
Weiterführende Anregungen erhalten Sie außerdem in folgenden
Büchern:
Sprich mit mir. Tips, Informationen und viele Spiele zur Förderung
der Sprachentwicklung. Herausgegeben von der BARMER und „Mehr
Zeit für Kinder e.V." (1997)
Ingeburg Stengel / Lieselotte v. der Hude / Veronika Meiwald: Sprachschwierigkeiten
bei Kindern. Wie Eltern helfen können. Klett-Cotta (1997)
Ruth Heap (Hrsg.): Wenn mein Kind stottert. Ein Ratgeber für
Eltern. Demosthenes-Verlag (1996)
Quelle: dgs - Deutsche Gesellschaft
für Sprachheilpädagogik e.V. |
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